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AI-Driven Development13.9.2025

Was ist AI-Driven Development?

Was verbirgt sich hinter AI-Driven Development, und wie unterscheidet es sich von Vibe Coding und Agentic Coding? Eine Einordnung der Begriffe in das “Big Picture” von KI und Softwareentwicklung.

AI-Driven Development

Unter AI-Driven Development versteht man ganz allgemein einen KI-gestützten Softwareentwicklungsprozess. AI ist als Partner der Teams zu verstehen. Agenten unterstützen bei der Spezifikation, Implementierung und Tests der umzusetzenden Softwaresysteme. Das “Driven” betont die starke Dynamik, die hier unweigerlich ins Spiel kommt. Teams, die AI-Driven Development praktizieren, sind um Größenordnungen produktiver als zuvor und produzieren besseren Code mit weniger Fehlern. Und haben auch noch Spaß dabei.

Klingt unglaubwürdig? Tja, das ist vermutlich das aktuell größte Problem von AI-Driven Development. Jeder, der schon etwas länger im IT-Geschäft unterwegs ist, hat derartige Versprechen einfach ein paar Mal zu oft gehört. 4GL, Model-Driven Architecture, Low-Code/No-Code wurden und werden mit ähnlichen Versprechungen vermarktet. Leider waren die Resultate meist ernüchternd. AI-Driven Development ist anders. Warum? Das erkläre ich im Folgenden.

AI-Agenten

Für das Verständnis, warum AI-Driven Development tatsächlich ein Durchbruch in der Produktivitäts- und Qualitätssteigerung ist, sind AI-Agenten entscheidend. Bis vor einem Jahr gab es diese Technologie noch gar nicht. Richtig gut funktionieren die AI-Agenten in der Softwareentwicklung meiner Meinung nach erst seit der Veröffentlichung von Claude 4 Ende Mai 2025 sowie der sehr guten Integration in gängige IDEs über GitHub Copilot. Seitdem geht es Schlag auf Schlag: OpenAI legte erst mit GPT-5 und Ende August 2025 dann mit Codex nach – und das ist sicher alles erst der Anfang (einen Vergleich von Copilot und Codex findet ihr übrigens in diesem Beitrag).

AI-Agenten sind mehr als nur ein weiteres Tool. Sie sind Partner bei den täglichen Aufgaben in einem Team. Agenten verstehen den Code und können eigenständig programmieren. Sie sind schon heute auf dem Niveau von Junior-Entwickler:innen mit 2–3 Jahren Erfahrung – mindestens. Sie beherrschen alle gängigen Sprachen, Technologien und Frameworks. Sie sind sehr schnell, schreiben klaglos Tests, erstellen umfangreiche Quellcode-Kommentare und README-Dateien. AI-Agenten sind keine Generatoren, sie denken mit. Und das ist genau der entscheidende Unterschied zu den oben genannten, bisherigen Ansätzen. Sie haben das Potenzial, Teams endlich aus dem “Teufelsdreieck” von hohen Kosten, überzogenen Terminen und schlechter Qualität herauszuholen.

Kernprinzipien

Das Wort “Potenzial” im vorherigen Satz ist absichtlich gewählt. Denn die Leistung muss sozusagen erst einmal auf die Straße gebracht werden – der Satz mit dem Fool und dem Tool gilt auch für AI-Driven Development. Aus meiner Sicht müssen die folgenden Kernprinzipien eingehalten werden, damit die Umstellung auf AI-Driven Development gelingt:

  • Kein Code ohne Anforderung: Ein AI-Agent wird auch versuchen, aus einem grottigen Prompt ein Ergebnis abzuleiten. Eventuell ist das die große Schwäche der heutigen Modelle und Agenten. Es kommt nie “Unfug” als Antwort, wenn man Unfug promptet. Und der erste Schritt zu einem guten Prompt ist, zu verstehen, was man bauen möchte. Das ist auch schon heute, ganz ohne AI-Driven Development, so. Der Unterschied ist: Die Agenten können uns auch helfen, die Anforderungen aufzuschreiben. Schön strukturiert, am besten im Markdown-Format direkt im Projekt. Und jeder Prompt bekommt diese Anforderungen dann zunächst als Grundlage (“Lies dir zunächst die Anforderungen in der Datei “requirements.md” durch”).
  • Kein Code ohne Architektur: Noch eine Binsenweisheit, aber leider immer noch keine Selbstverständlichkeit. Geben wir die Architektur nicht vor, denkt sich der Agent eine aus. Das kann passen, muss aber nicht. Daher lohnt es sich, analog zu den Anforderungen, die Zielarchitektur explizit zu dokumentieren. Also z. B. für Microservice-Backends: Welche Schichten brauchen wir? Wo ist die Geschäftslogik implementiert? Welche Arten von DTOs verwenden wir? Wo werden diese gemappt? Wie funktioniert die Persistenz?
  • Erst planen, dann umsetzen: Der AI-Agent erklärt uns gerne und ausführlich, wie er die gewünschte Funktionalität umzusetzen gedenkt – wir müssen ihn nur danach fragen. Der erste Schritt ist daher immer ein Implementierungsplan. Diesen können wir dann beliebig oft zusammen mit dem Agenten überarbeiten; die AI hat endlose Geduld. Der Plan ist eine erste Feedback-Schleife, ob der Agent die Anforderungen und Architektur verstanden hat.
  • Keine Implementierung ohne Tests: Keine Tests zu schreiben, war noch nie eine gute Idee; beim Umstieg auf AI-Driven Development sind Tests eine Selbstverständlichkeit. AI-Agenten schreiben sehr gute Tests, wenn wir sie darum bitten.
  • Es ist dein Code! Das wichtigste, zentrale Kernprinzip kommt zum Schluss. Auch wenn die Agenten künftig einen Großteil des Codes implementieren – es ist und bleibt dein Code! Du übernimmst die Verantwortung, sobald du den Code pushst. Du trägst die Verantwortung, wenn er am Ende doch nicht funktioniert. Also wird jede Zeile des vom Agenten geschriebenen Codes von dir reviewt und überprüft – immer.

Abgrenzung

AI-Driven Development ist kein “Vibe Coding”, obwohl dieser Begriff gerne synonym verwendet wird. Vibe Coding ist eher ein “Hackathon”-Ansatz, bei dem manuell und interaktiv mit dem Agenten zusammengearbeitet wird, um schnell Prototypen zu erstellen. AI-Driven Development ist ein strukturierter Prozess, der den gesamten Software Development Life Cycle (SDLC) umfasst und auf Qualität, Nachvollziehbarkeit und Governance setzt. “Vibe Coding” ist cool für spontane Ideen und Experimente, aber nicht geeignet für die professionelle Softwareentwicklung in Teams.

Agentic Coding ist ein weiterer Begriff, der oft in diesem Kontext fällt. Agentic Coding bezieht sich auf die Fähigkeit von AI-Agenten, eigenständig Code zu lesen, zu ändern und auszuführen sowie Tools wie Dateisysteme und Terminals zu nutzen. Während Agentic Coding ein wichtiger Bestandteil von AI-Driven Development ist, umfasst letzteres einen viel breiteren Rahmen, der auch Spezifikation, Tests, Reviews und Governance einschließt.

Auswirkungen

AI-Driven Development ist eine neue Disziplin in der Softwareentwicklung, die Art und Weise, wie wir Software entwickeln, grundlegend verändern wird. Wir können schneller, effizienter und mit höherer Qualität entwickeln. Aber es erfordert auch ein Umdenken in Bezug auf unsere Arbeitsweise, unsere Prozesse und unsere Verantwortung als Entwickler:innen. Das eigentliche Schreiben von Quellcode, sozusagen das Handwerk, wird künftig eine deutlich geringere Rolle spielen. Stattdessen werden wir uns mehr auf die Spezifikation, das Design und die Überprüfung konzentrieren. Wir werden zu Architekt:innen und Kurator:innen von Code, der von AI-Agenten generiert wird.

Das hat auch Auswirkungen auf die Teams und die Organisationen, in denen wir arbeiten. Teams, die AI-Driven Development praktizieren, sind voraussichtlich deutlich kleiner als heute. Die Produktivität pro Kopf wird dramatisch steigen, sodass weniger Entwickler:innen benötigt werden, um die gleiche Menge an Arbeit zu erledigen. Gleichzeitig wird die Nachfrage nach hochqualifizierten Entwickler:innen steigen, die in der Lage sind, mit AI-Agenten effektiv zusammenzuarbeiten und die Verantwortung für den generierten Code zu übernehmen. Ein offener Punkt ist dann allerdings, wie wir künftig Junior-Entwickler:innen ausbilden, damit diese die notwendigen Fähigkeiten erwerben können. Auch künftig ist es notwendig, den von den Agenten generierten Code zu verstehen, zu überprüfen und zu verbessern. Ohne ausreichende Kenntnisse in Programmierung wird das nicht gelingen.

Grenzen & Risiken

Aus meiner Sicht ist das größte Risiko, dass AI-Driven Development als “Low-Code-Reboot” missverstanden wird. Es ist kein Werkzeug, um die Softwareentwicklung zu demokratisieren und Laien zu ermöglichen, Software zu erstellen. Es ist eine Disziplin für professionelle Entwickler:innen, die ihre Fähigkeiten erweitern und verbessern wollen. Wer glaubt, dass er ohne Programmierkenntnisse mit AI-Driven Development erfolgreich sein kann, wird enttäuscht werden.

Eine weitere Herausforderung ist es, den Fokus nicht zu verlieren. AI-Agenten sind mächtig, aber sie sind keine Allheilmittel. Sie können Fehler machen, sie können Sicherheitslücken einführen, sie können unverständlichen oder ineffizienten Code generieren. Es ist unsere Verantwortung als Entwickler:innen, diese Risiken zu erkennen und zu managen. Ein einfaches Abnicken des von den Agenten generierten Codes ist keine Option – aber leider eine große Versuchung.

Fazit

Ich bin der festen Überzeugung, dass AI-Driven Development wie ein Tsunami durch die IT-Landschaft rollen wird. Die Produktivitäts- und Qualitätssteigerungen sind radikal. Wer sich nicht rechtzeitig mit dem Thema auseinandersetzt, wird schnell den Anschluss verlieren. AI-Driven Development ist kein Hype, sondern eine Disruption.